Die Erstautoren der Bonner Studie Dr. Georg W. Sendtner (li) und Julia Miranda (re).
VERFASST VONUKB NewsRoom

Wie schützt sich die Niere bei Glukosurie vor Bakterien?

Bonner Forschende berichten über Schutzmechanismus gegen Niereninfektionen bei Zucker im Urin

Bonn, 05. Februar – Bakterien nutzen Zucker als Nährstoff und wachsen darin schnell. Normalerweise ist Urin praktisch zuckerfrei. Eine Behandlung mit sogenannten SGLT2-Hemmern, die bei Diabetes 2 sowie Herz- oder Nierenerkrankungen eingesetzt werden, führt zu einer Zuckerausscheidung im Urin. Bei deren Einführung als Medikament gab es deswegen große Sorgen vor schweren Niereninfektionen. Die Bonner Forschenden Prof. Sibylle von Vietinghoff, Leiterin der Nephrologie am Universitätsklinikum Bonn (UKB) sowie Mitglied im Exzellenzcluster ImmunoSensation3, und ihre wissenschaftlichen Mitarbeitenden Dr. Georg W. Sendtner und Julia Miranda haben einen Mechanismus aufklärt, warum es bei SGLT2 Hemmung nicht zu vermehrten Infektionen der Niere selbst kommt. Über dieses Forschungsergebnis berichteten die Experten kürzlich in der führenden nephrologischen Fachzeitschrift „Kidney International“.

Was ist Glukosurie, wie entsteht sie und welche Probleme bewirkt sie?
Prof. Sibylle von Vietinghoff: „Glukosurie ist Urinausscheidung von Zucker. Normalerweise ist der Urin zuckerfrei, da die Niere diesen Nährstoff sehr effizient zurückholt. Ausnahmen sind ein schwerer Diabetes 2, auch als „Alterszucker“ bekannt, der die Rückholkapazität der Nieren überfordert. Es gibt auch sehr selten genetische Veränderungen und eben – und das ist heute in Deutschland wahrscheinlich die häufigste Ursache – die Behandlung mit SGLT2-Hemmern.“

Welche Funktion hat SGLT2?
Prof. Sibylle von Vietinghoff: „SGLT2 ist der Transporter, der die größte Menge an Zucker aus dem Urin zurückholt. Er sitzt ganz am Anfang vom sogenannten Tubulusapparat. Das ist der Teil der Niere, der aus circa 160 Liter Primärharn am Tag diejenigen zwei bis drei Liter ‘destilliert’, die auch ausgeschieden werden.“

Was sind SGLT2-Hemmer und welche Komplikationen gibt es und welche wurden befürchtet?
Prof. Sibylle von Vietinghoff: „SGLT2-Hemmer verhindern, dass die Niere Glucose aus dem Urin zurückholt. Allgemein sind es sehr gut verträgliche Medikamente. Sie sollten nicht bei akuter Krankheit, das heißt also, wenn man nicht essen und trinken kann, eingenommen werden, sonst droht die Gefahr der Ketoazidose. Auch treten Infektionen der äußeren Harnwege häufiger auf. Das wurde auf das bessere Bakterienwachstum in Glucose zurückgeführt, das wir auch in unserer Arbeit bestätigen konnten.

SGLT2-Hemmer wurden ursprünglich zur Behandlung von Diabetes 2 entwickelt. Man wollte erreichen, dass vom Körper nicht verwendeter Zucker einfach über die Nieren ausgeschieden wird und damit den Stoffwechsel nicht mehr belastet. Dann stellte sich heraus, dass SGLT2-Hemmer Herz- und Nieren auch unabhängig von der Blutzuckereinstellung schützen. Nierenkranke zeigten eine bessere Nierenleistung und wurden seltener dialysepflichtig. Seit 2021 sind SGLT2-Hemmer zur Behandlung chronischer Nierenerkrankungen auch in Deutschland zugelassen. Für den Nierenschutz war das eine große Innovation. Die Leitlinien für die Behandlung der chronischen Nierenerkrankungen, kurz CKD, wurden umgeschrieben. Auch bei Herzschwäche sind SGLT2-Hemmer zur Standardmedikation geworden.“

Welche Hypothese stellen Sie auf, warum es bei der Behandlung mit SGLT2 Hemmern nicht zu schweren bakteriellen Niereninfektionen kommt?
Dr. Georg W. Sendtner: „Unsere Idee war, dass SGLT2 Hemmer in der Niere vielleicht nicht nur die Glukoseausscheidung verursachen, sondern auch Abwehrmechanismen beeinflussen, so dass am Ende die klinisch beobachtete, zunächst überraschende Infektneutralität steht.“

Zu welchem Schluss kommen Sie in Ihrer Publikation?
Julia Miranda: „Wir konnten zeigen, dass bei SGLT2 Hemmer-Behandlung in der Niere der Botenstoff Komplement C1q absinkt. C1q reduzierte in unseren Experimenten zum Beispiel die Fähigkeit von großen Fresszellen, wichtige Abwehrzellen gegen Bakterien anzulocken. Damit wären mit SGLT2 Hemmer behandelte Personen mit weniger C1q besser in der Lage sich gegen Bakterien zu wehren und in der Summe wieder geschützt.“

Was folgt daraus für Personen mit Niereninfektionen?
Prof. Sibylle von Vietinghoff: „Wir haben eine unerklärte klinische Beobachtung zum Anlass genommen, uns auf die Suche nach neuen Abwehrmechanismen bei Niereninfektionen zu machen, den wir im Komplement C1q auch gefunden haben.

Unsere Arbeit reicht hier über die SGLT2 Hemmung hinaus: Wir haben Komplement C1q auch bei gesunden Teilnehmenden der UK-Biobank in Bezug auf spätere Niereninfektionen untersucht. Die Daten zeigen, dass gesunde Menschen, die niedrigere C1q Spiegel hatten, später weniger Harnwegsinfekte bekamen. Das Ergebnis passt zu einer Rolle von C1q in der antibakteriellen Abwehr der Niere auch unabhängig von einer SGLT2 Hemmung.“

Beteiligte Institutionen und Förderung: Excellenzcluster Immunosensation3, DFG Forschungsgruppe „Bakterielle renale Infektionen und deren Abwehr (BARICADE)“

Publikation: Georg W. Sendtner, Julia Miranda et al.: Sodium glucose transporter 2 inhibition maintains kidney antibacterial response by decreasing complement C1q; Kidney International; DOI: 10.1016/j.kint.2026.01.003
https://www.kidney-international.org/article/S0085-2538(26)00009-8/fulltext

Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Dr. Sibylle von Vietinghoff
Gesamtleitung Nephrologie
Medizinische Klinik 1
Universitätsklinikum Bonn
ImmunoSensation3, Universität Bonn
E-Mail: Sibylle.von_Vietinghoff@ukbonn.de

Bildmaterial:

Die Erstautoren der Bonner Studie Dr. Georg W. Sendtner (li) und Julia Miranda (re).

Bildunterschrift: Wie schützt sich die Niere bei Glukosurie vor Bakterien?
Die Erstautoren der Bonner Studie Dr. Georg W. Sendtner (li) und Julia Miranda (re).

Bildnachweis: Universitätsklinikum Bonn / Rolf Müller

Pressekontakt:
Dr. Inka Väth
stellv. Pressesprecherin am Universitätsklinikum Bonn (UKB)
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