Prof. Nico T. Mutters (re) und Dr. Dorian Emmert (li)
VERFASST VONUKB NewsRoom

Aktuelle Covid-19-Situation in Deutschland

UKB-Experten ordnen die derzeitige saisonale Welle des Corona-Virus SARS CoV 2 ein und geben Empfehlungen

BONN, 16. Oktober – Weltweit nehmen die Infektionen mit SARS CoV 2 derzeit zu. Ob dieses Corona-Virus, das für die COVID-19-Pandemie 2020 bis 2023 verantwortlich war, in Deutschland derzeit eine Rolle spielt und wie gefährlich es heute tatsächlich noch ist, erklären der Hygieniker und Virologe Prof. Nico T. Mutters und der Virologe Dr. Dorian Emmert vom Universitätsklinikum Bonn (UKB).

Wie verbreitet ist SARS CoV 2 derzeit in Deutschland und stehen wir an dem Beginn einer Infektionswelle?
Prof. Mutters: Deutschland befindet sich wahrscheinlich am Beginn eines saisonalen Anstiegs der SARS-CoV-2-Aktivität. Die verfügbaren Überwachungs-Systeme des RKI zeigen seit dem Spätsommer einen zunehmenden Trend, allerdings bislang auf eher niedrigem Niveau. Diese Entwicklung ist für den Frühherbst völlig normal und zu erwarten, genauso wie bei anderen Atemwegsviren. Die absoluten Infektionszahlen liegen, im Vergleich zu den Pandemiejahren, jedoch deutlich niedriger. Zurückzuführen ist das wahrscheinlich auf die geringere Erfassung der tatsächlichen Infektionszahlen, da einerseits weniger getestet wird, andererseits eine gewisse Immunität in der Bevölkerung vorliegt, welches zu milderen Verläufen führt und SARS-CoV-2 Infektionen dann ähnlich einem normalen grippalen Infekt ablaufen können und entsprechend nicht getestet und erfasst werden.

Welche Varianten sind derzeit in Deutschland unterwegs und welche Symptome lösen diese aus?
Dr. Emmert: Aktuell zirkulieren in Deutschland vor allem die Omikron-Linien XFG, Stratus oder auch Frankenstein genannt, und das als Nimbus bekannte NB.1.8.1. XFG ist derzeit die dominante Linie und ähnelt klinisch überwiegend anderen SARS-CoV-2-Infektionen der Omikron-Ära. Häufig sind Halsschmerzen, Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Kopf- und Gliederschmerzen. Abgeschlagenheit; gastrointestinale Beschwerden können ebenfalls auftreten. Der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn ist bei heutigen Omikron-Infektionen deutlich seltener als bei frühen SARS-CoV-2-Varianten.

Wie gefährlich ist eine SARS CoV 2 Infektion auch im Vergleich zu einer Influenza-Infektion heute?
Prof. Mutters: Durch die hohe Grundimmunität der Bevölkerung durch Mehrfachimpfungen und vor allem durch durchgemachte Erkrankungen verlaufen Infektionen bei gesunden Menschen heute in der Regel mild bis mittelschwer. Es sei noch darauf hingewiesen, dass es aber nicht bedeutet, dass Personen mit Immunität gegen SARS CoV 2 keine Infektion mehr bekommen. In den meisten Fällen ist die Immunität nur temporär und Folgeinfektionen sind die Regel. Die klinischen Verläufe jedoch sind deutlich milder und dies ist es auch, was die Grundimmunität hier vermittelt.

Dr. Emmert: Wie schwer eine Infektion verläuft, hängt stark vom Alter, von Vorerkrankungen, dem Immunstatus und dem jeweiligen Erreger ab. Bei gesunden jüngeren Menschen verlaufen SARS-CoV-2-Infektionen heute überwiegend mild. Influenza kann in dieser Altersgruppe durch ihren abrupten Krankheitsbeginn und Komplikationen wie eine bakterielle Superinfektion ebenfalls eine erhebliche Akuterkrankung verursachen. Mit zunehmendem Alter und bei relevanten Grunderkrankungen steigt das Risiko schwerer COVID-19- und Influenza-Verläufe auch deutlich an. Für Personen mit erhöhtem Risiko bleibt die jeweils empfohlene Impfung gegen SARS-CoV-2 und Influenza eine wichtige Maßnahme zur Vermeidung schwerer Verläufe.

Besteht noch die Gefahr einer Pandemie?
Prof. Mutters: Die WHO hat den internationalen Gesundheitsnotstand für COVID-19 bereits im Mai 2023 beendet. SARS-CoV-2 zirkuliert jedoch weiterhin weltweit und kann insbesondere bei älteren und vorerkrankten Menschen schwere Erkrankungen verursachen. Eine Situation wie zu Beginn der Pandemie ist derzeit aber aufgrund der inzwischen weit verbreiteten Immunität in der Bevölkerung und der überwiegend milden Verläufe nicht zu erwarten. Neue Varianten können jedoch weiterhin entstehen, weshalb die epidemiologische und virologische Beobachtung wichtig bleibt. Es bleibt in letzter Instanz nie ganz vorhersehbar wie ein Virus sich durch Mutationen weiterentwickelt. Generell kann eine neue Pandemie niemals ausgeschlossen werden. Aus hygienischer Sicht ist das Tragen einer FFP2-Maske zudem ein hocheffektiver Eigen- und Fremdschutz insbesondere in engen, schlecht belüfteten Innenräumen oder im ÖPNV.

Wie sieht die aktuelle STIKO-Impfempfehlung aus?
Dr. Emmert: Die Ständige Impfkommission, kurz STIKO, hat die Altersgrenze für die jährliche Auffrischmpfung bei gesunden Erwachsenen von 60 auf 75 Jahre angehoben. Hintergrund ist, dass das Risiko für schwere COVID-19-Verläufe mit zunehmendem Alter deutlich ansteigt und bei gesunden Menschen unter 75 Jahren aufgrund der bereits vorhandenen Immunität der Bevölkerung der zusätzliche Nutzen einer jährlichen Impfung geringer ist. Früher empfahl die STIKO, dass jeder Erwachsene eine „Basisimmunität“, das heißt mindestens drei Antigenkontakte durch Impfung oder Infektion, aufbauen sollte. Diese explizite Empfehlung ist in der aktuellen Richtlinie entfallen. Grund hierfür ist, dass über 95 Prozent der Bevölkerung diese Basisimmunität über die letzten Jahre längst über Infektion oder Impfung erworben hat.

Zudem empfiehlt die STIKO die jährliche Auffrischimpfung im Spätherbst unter anderem Personen mit einer Grunderkrankung, Bewohnenden von Einrichtungen der Pflege sowie medizinischem Personal und Personal in Pflegeeinrichtung mit direktem Kontakt zu Bewohnenden. Familienangehörige und enge Kontaktpersonen von Menschen, bei denen nach einer COVID-19-Impfung keine schützende Immunantwort zu erwarten ist, wird auch eine Impfung empfohlen.

Laut einer Studie gibt es nach Atemwegsinfektionen Langzeitfolgen wie Erschöpfung und Atemnot, nicht nur nach COVID-19?
Prof. Mutters: Die groß angelegte DigiHero-Studie der Universitätsmedizin Halle zeigt, dass länger anhaltende Beschwerden nach Atemwegsinfektionen keine Besonderheit von SARS-CoV-2 sind. Dass solche Beschwerden nach anderen Atemwegsinfektionen lange weniger Beachtung fanden, dürfte mehrere Gründe haben. Für Influenza und andere Atemwegsinfektionen fehlten lange Zeit große systematische Studien, standardisierte Definitionen und eine vergleichbare öffentliche Aufmerksamkeit. Die COVID-19-Pandemie hat dagegen erstmals in großem Umfang die langfristigen Folgen einer viralen Atemwegsinfektion sichtbar gemacht und entsprechende Forschungsstrukturen geschaffen.

Da sich die Beschwerden von Post-COVID und postinfektiösen Syndromen nach anderen Atemwegsinfektionen teilweise ähneln und Betroffene über längere Zeit erheblich eingeschränkt sein können, könnte dies die Versorgung vor zusätzliche Herausforderungen stellen. Spezialisierte Ambulanzen, die ursprünglich vor allem für Long-COVID-Patientinnen und -Patienten aufgebaut wurden, könnten künftig stärker auch für andere postinfektiöse Syndrome relevant werden. Aufgrund der häufig komplexen und schwer objektivierbaren Beschwerden sind interdisziplinäre Versorgungsstrukturen und ausreichend Behandlungskapazitäten besonders wichtig. Zudem sollten auch Hausärzte stärker für das postakute Infektionssyndrom, kurz PAIS, sensibilisiert und geschult werden.

Bildmaterial:

Frauenarm mit Pflaster

Bildunterschrift: Die COVID-19-Impfung bleibt insbesondere für ältere Menschen und Personen mit erhöhtem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf eine wichtige Schutzmaßnahme. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat ihre Empfehlungen zur jährlichen Auffrischimpfung angepasst.

Bildnachweis: Adobe Stock

Bildmaterial:

Prof. Nico T. Mutters (re) und Dr. Dorian Emmert (li)

Bildunterschrift: Ob das Corona-Virus SARS CoV 2, das für die COVID-19-Pandemie 2020 bis 2023 verantwortlich war, in Deutschland derzeit eine Rolle spielt und wie gefährlich es heute tatsächlich noch ist, erklären Prof. Nico T. Mutters (re) und Dr. Dorian Emmert (li) vom Universitätsklinikum Bonn (UKB).

Bildnachweis: Universitätsklinikum Bonn (UKB) / Alessandro Winkler

Pressekontakt:
Dr. Inka Väth
stellv. Pressesprecherin am Universitätsklinikum Bonn (UKB)
Stabsstelle Kommunikation und Medien am Universitätsklinikum Bonn
Telefon: (+49) 228 287-10596; E-Mail: inka.vaeth@ukbonn.de

Zum Universitätsklinikum Bonn: Als eines der leistungsstärksten Universitätsklinika Deutschlands verbindet das UKB Höchstleistungen in Medizin und Forschung mit exzellenter Lehre. Jährlich werden am UKB über eine halbe Million Patienten ambulant und stationär versorgt. Hier studieren rund 3.500 Menschen Medizin und Zahnmedizin, zudem werden jährlich über 600 Personen in Gesundheitsberufen ausgebildet. Mit rund 10.600 Beschäftigten ist das UKB der drittgrößte Arbeitgeber in der Region Bonn/Rhein-Sieg. In der Focus-Klinikliste belegt das UKB Platz 1 unter den Universitätsklinika in NRW und weist im ersten Halbjahr 2026 unter den Universitätsklinika bundesweit den höchsten Case-Mix-Index (Fallschweregrad) auf. 2025 konnte das UKB knapp 100 Mio. € an Drittmitteln für Forschung, Transfer und Lehre einwerben. Das F.A.Z.-Institut zeichnete das UKB das fünfte Jahr in Folge als „Deutschlands Ausbildungs-Champion“ und „Deutschlands begehrtesten Arbeitgeber“ aus. Aktuelle Zahlen finden Sie im Geschäftsbericht unter: geschaeftsbericht.ukbonn.de.

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