Verhütung ohne Hormone – Alternativen zur „Pille“
Bundesforschungsministerium fördert Projekt PREVENT in Frankfurt, Bonn und München mit 3 Millionen Euro
Bonn, 6. März – Einst galt die „Pille“ als revolutionär, dann wurde sie zum gängigsten Verhütungsmittel, heute sehen Menschen die Kontrazeption mithilfe von Hormonen vielfach kritisch. Ein Forschungsteam der Goethe-Universität und ihrer Kooperationspartner am Universitätsklinikum Bonn (UKB) und der Ludwig-Maximilians-Universität München hat jetzt das Projekt PREVENT zur Entwicklung nicht-hormoneller Verhütungsmittel gestartet. Die Forschenden wollen ein Verfahren zur Entwicklung neuartige Wirkstoffe zur Empfängnisverhütung bei Frau und Mann etablieren. PREVENT wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) bis 2029 mit drei Millionen Euro gefördert.
In den 1970er-Jahren war die Antibabypille in den westlichen Staaten das am häufigsten verwendet Verhütungsmittel, in Deutschland zum Beispiel nahm jede dritte Frau „die Pille“. Sie ist sicher und zuverlässig, wird von der Krankenkasse bezahlt und galt vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren auch als Instrument weiblicher Selbstbestimmung.
Im Laufe der Zeit wurden jedoch eine Reihe Nebenwirkungen hormoneller Verhütungsmethoden bekannt, die – je nach Präparat – von beispielsweise Übelkeit, Gewichtszunahme und Spannungsgefühlen in den Brüsten bis zu Bluthochdruck, Leberfunktionsstörungen und Thrombosen reichen können. Einige Medikamente wie bestimmte Antibiotika oder Johanniskrautprodukte mindern die Wirksamkeit der Pille, bei verschiedenen Erkrankungen sollte sie nicht genommen werden.
Pille wird häufiger abgelehnt
Die Nebenwirkungen treten zwar vergleichsweise selten auf, tragen aber zur abnehmenden Akzeptanz der Pille bei: Jüngeren Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge verhüten seit 2023 weniger Frauen und Paare mit der Pille; insbesondere bei jüngeren Erwachsenen hat das Kondom die Pille als Verhütungsmittel Nummer eins abgelöst.
Ein Forschungsteam um Dr. Claudia Tredup und Prof. Stefan Knapp vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität, Prof. Daniel Merk von der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie Prof. Hubert Schorle vom UKB, der auch Mitglied in dem Transdisziplinären Forschungsbereich (TRA) „Life & Health“ der Universität Bonn ist, und Prof. Jean-Pierre Allam, Leiter der Andrologie am UKB, arbeiten jetzt daran, besonders nebenwirkungsarme Verhütungsmittel zu entwickeln, die nicht auf Hormonwirkungen beruhen. Dazu haben sie das Projekt PREVENT („Precision Reproductive and contraceptive target discovery Network“) gestartet und eine dreijährige Projektförderung vom BMFTR eingeworben.
Wirkstoffe für neue Verhütungsstrategien
PREVENT-Projektleiterin Dr. Claudia Tredup vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität erläutert: „Hormonelle Verhütungsmethoden wie zum Beispiel die Antibabypille verändern die Hormon-Kommunikation zwischen Gehirn und Eierstöcken und greifen so in den endokrinen Regelkreis ein. Daher sind sie nicht für alle Frauen geeignet oder werden nicht gewünscht. Bei PREVENT suchen wir nach alternativen nichthormonellen Ansätzen für Frau und Mann, damit Paaren weitere Angebote der Kontrazeption gemacht werden können.“ Der Forschungsansatz des PREVENT-Teams fokussiert sich dabei auf so genannte kleine Moleküle, die spezifisch solche Proteine blockieren, die ausschließlich in Spermien oder in Eizellen vorkommen. So kann zum Beispiel die Beweglichkeit der Spermien herabgesetzt werden, damit diese die Eizelle nicht mehr erreichen. Tredup führt aus: „Da Verhütungsmittel gesunden Menschen verabreicht werden, müssen sie nicht nur zuverlässigen und reversiblen sein, sondern auch sehr gut verträglich und ein möglichst nebenwirkungsarm sein.
Bei derart komplexen Anforderungen ist die Suche nach guten Wirkstoffen ein höchst aufwändiges Verfahren. Das PREVENT-Team wird daher eine sogenannte Wirkstoffentwicklungsplattform entwickeln, um Technologien und Werkzeuge zur Validierung von nicht-hormonellen Verhütungskonzepten zu etablieren. Dafür sollen hochselektive und wirksame Wirkstoffe, sogenannte „chemical probes“, ermöglichen, neue Verhütungsstrategien gezielt zu testen und eine belastbare Grundlage für die präklinische und spätere klinische Entwicklung zu schaffen.
Bisher sind zwar schon eine Reihe and Genen, die mit Unfruchtbarkeit in Verbindung stehen, bekannt. Das PREVENT-Team will nun das Knowhow schaffen, um die entsprechenden Proteine als Zielstrukturen für sichere, nichthormonelle Verhütungsstrategien zu nutzen. Prof. Schorle meint: „Das ist im besten Sinne die Umsetzung der Ergebnisse aus unserer Grundlagenforschung. Wir konnten zeigen, dass der Verlust von Spermien-spezifischen Proteinen bei Mäusen zu Unfruchtbarkeit führt. Solche Gendefekte konnten wir auch bei unfruchtbaren Männern feststellen. Nun gehen wir den nächsten Schritt und entwickeln zusammen mit den Kollegen aus Frankfurt und München Stoffe, die genau gegen diese Proteine gerichtet sind. Damit können wir die Spermienfunktion gezielt stören und die Befruchtung der Eizelle verhindern.“ Prof. Allam ergänzt: „Am UKB verfügen wir über ideale Voraussetzungen, um den Transfer vom Tiermodell auf den Menschen erfolgreich zu gestalten. Als eine der größten andrologischen Abteilungen in Deutschland können wir mithilfe spezieller Spermienfunktionstests die zugrundeliegenden Fragestellungen gezielt und auf höchstem Niveau untersuchen.“ Ziel sei es zu untersuchen, wie die Substanzen auf menschliche Spermien wirken. PREVENT ist aber nicht nur ein klassisches, pharmazeutisches Forschungsprojekt, sondern adressiert auch zentrale gesellschaftliche Ziele der der reproduktiven Selbstbestimmung und der globalen Gesundheitspolitik.
Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Dr. rer.nat. Hubert Schorle
Institut für Pathologie; Abteilung Entwicklungspathologie
Universitätsklinikum Bonn (UKB)
TRA „Life & Health“, Universität Bonn
Telefon: +49 228 287 16342
E-Mail: schorle@uni-bonn.de
Prof. Dr. med. Jean-Pierre Allam
Direktor der Klinik für Andrologie
Universitätsklinikum Bonn (UKB)
Telefon: +49 228 287 15822
E-Mail: jean-pierre.allam@ukbonn.de
Bildmaterial:
Bildunterschrift: Nicht-hormonelle Alternativen zur Antibabypille zu finden ist das Forschungsziel des Projekts PREVENT von Goethe-Universität, UKB und LMU München.
Bildnachweis: Markus Bernards/KI für Goethe-Universität Frankfurt
Pressekontakt:
Dr. Inka Väth
stellv. Pressesprecherin am Universitätsklinikum Bonn (UKB)
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Zum Universitätsklinikum Bonn: Als eines der leistungsstärksten Universitätsklinika Deutschlands verbindet das UKB Höchstleistungen in Medizin und Forschung mit exzellenter Lehre. Jährlich werden am UKB über eine halbe Million Patienten ambulant und stationär versorgt. Hier studieren rund 3.500 Menschen Medizin und Zahnmedizin, zudem werden jährlich über 600 Personen in Gesundheitsberufen ausgebildet. Mit rund 9.900 Beschäftigten ist das UKB der drittgrößte Arbeitgeber in der Region Bonn/Rhein-Sieg. In der Focus-Klinikliste belegt das UKB Platz 1 unter den Universitätsklinika in NRW und weist unter den Universitätsklinika bundesweit den zweithöchsten Case-Mix-Index (Fallschweregrad) auf. 2024 konnte das UKB knapp 100 Mio. € an Drittmitteln für Forschung, Entwicklung und Lehre einwerben. Das F.A.Z.-Institut zeichnete das UKB im vierten Jahr in Folge als „Deutschlands Ausbildungs-Champion“ und „Deutschlands begehrtesten Arbeitgeber“ aus. Aktuelle Zahlen finden Sie im Geschäftsbericht unter: geschaeftsbericht.ukbonn.de.







