Netzhaut als Fenster zur Früherkennung von Hirnerkrankungen
Corona-Stiftung fördert die Forschung von Dr. Christina Mayer in der Neurologie am UKB mit einer Million Euro über fünf Jahre
BONN, 28. September – Die Netzhaut ist der einzige Teil des zentralen Nervensystems, der sich beim lebenden Menschen nichtinvasiv und hochauflösend untersuchen lässt. Dr. Christina Mayer und ihr Team am Universitätsklinikum Bonn (UKB) und der Universität Bonn wollen diese besondere Eigenschaft nutzen, um entzündliche und gefäßbedingte Erkrankungen des Gehirns früher und präziser zu erkennen und ihre Entstehungsmechanismen besser zu verstehen. Die Corona-Stiftung fördert den Aufbau ihrer Nachwuchsforschungsgruppe mit einer Million Euro. Das Programm eröffnet herausragenden Nachwuchsforschenden damit die Möglichkeit, sich über einen Zeittraum von fünf Jahren für eine Hochschulprofessur zu qualifizieren.
Mit modernen Verfahren wie der optischen Kohärenztomographie (OCT) lassen sich Nervenzellen und kleinste Blutgefäße der Netzhaut hochauflösend darstellen und mit präzisen Messungen der Sehfunktion verbinden. Dadurch können krankheitsbedingte Veränderungen möglicherweise bereits erfasst werden, bevor sie klinisch und in der Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns sichtbar werden. Entzündliche Erkrankungen wie die Multiple Sklerose (MS) und Erkrankungen der kleinen Hirngefäße, die unter anderem das Risiko für Schlaganfälle und Demenz erhöhen, können sich in der MRT durch ähnliche Veränderungen der weißen Hirnsubstanz zeigen. Diese Befunde sind jedoch häufig unspezifisch und können bereits Ausdruck einer fortgeschrittenen Gewebeschädigung sein.
„Unser Ziel ist es, Veränderungen des Gehirns dort sichtbar zu machen, wo wir sie besonders früh und präzise messen können – in der Netzhaut“, sagt Dr. Christina Mayer. „Wenn es uns gelingt, diese Krankheitsprozesse anhand ihrer retinalen Signatur zu unterscheiden und ihre zugrundeliegenden Mechanismen besser zu verstehen, könnten wir Diagnosen früher stellen und Therapien künftig gezielter an den individuellen Krankheitsmechanismus anpassen.“ Wie dies gelingen kann, untersucht Dr. Mayer im Rahmen des von der Corona-Stiftung geförderten Projekts RE-DEFINE (Retinal Imaging to Differentiate Inflammatory from Neurovascular Endotypes). Ihre Nachwuchsforschungsgruppe ist in die klinische und wissenschaftliche Infrastruktur des Zentrums für Neurologie und insbesondere die Klinik für Neuroimmunologie und Neuromuskuläre Erkrankungen am UKB unter der Leitung von Prof. Anne-Katrin Pröbstel eingebettet.
In enger Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe von Prof. Pröbstel, die ein Mitglied im Exzellenzcluster ImmunoSensation3 der Universität Bonn und Forschungsgruppenleiterin am DZNE ist, verbindet Dr. Mayer die dortige Expertise zu neuroimmunologischen Erkrankungen und ihren Mechanismen mit neuen Ansätzen der neurovisuellen Diagnostik. Hierfür kombiniert sie hochauflösende Netzhautbildgebung und Messungen der Sehfunktion mit MRT-Untersuchungen und molekularen Analysen in experimentellen Modellen sowie bei Patientinnen und Patienten. Mithilfe von maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz (KI) führt sie diese Informationen zusammen, um gemeinsame und krankheitsspezifische Mechanismen neuroinflammatorischer und neurovaskulärer Erkrankungen zu entschlüsseln und diagnostische Modelle zu entwickeln.
Das Projekt erfolgt in Kooperation mit der Augenklinik (Prof. Frank Holz), den Kliniken für Neuroradiologie (Prof. Alexander Radbruch) und Vaskuläre Neurologie (Prof. Gabor Petzold) sowie der Sektion für Rheumatologie (Prof. Valentin Schäfer) und dem Institut für Neurovaskuläre Zellbiologie (Prof. Ruiz de Almodóvar) am UKB sowie mit dem Exzellenzcluster ImmunoSensation3 der Universität Bonn. „Unser langfristiges Ziel sind leicht zugängliche Biomarker, die eine frühere und präzisere Diagnose ermöglichen, Therapieentscheidungen unterstützen und den individuellen Krankheitsverlauf besser vorhersagen“, sagt Dr. Mayer. „Damit könnte die Netzhaut künftig einen wichtigen Beitrag zu einer personalisierten neurologischen Diagnostik und zu einem besseren Verständnis von Erkrankungen des Gehirns leisten.“
Zur Person:
Dr. Christina Mayer ist seit Juli 2026 am UKB als Weiterbildungsassistentin tätig. Sie studierte Humanmedizin an der Universität Heidelberg mit Aufenthalten am Karolinska Institut in Stockholm und am University College London. Von 2019 bis 2026 absolvierte sie ihre neurologische Facharztweiterbildung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und forschte dort als Clinician Scientist. Bereits während dieser Zeit verwendete sie die Netzhaut als Plattform, um am Modell der akuten Sehnerventzündung Regenerationsprozesse im zentralen Nervensystem besser zu verstehen und Mechanismen der entzündlichen Neurodegeneration zu entschlüsseln. Ihre Forschungsarbeiten wurden unter anderem mit dem Martini-Preis ausgezeichnet und in den Fachzeitschriften Cell und Nature veröffentlicht.
Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Dr. Anne-Katrin Pröbstel
Zentrum für Neurologie & Klinik für Neuroimmunologie und Neuromuskuläre Erkrankungen
Universitätsklinikum Bonn (UKB)
Exzellenzcluster ImmunoSensation3 der Universität Bonn
Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)
E-Mail: anne-katrin.proebstel@ukbonn.de
Dr. Christina Mayer
Zentrum für Neurologie & Klinik für Neuroimmunologie und Neuromuskuläre Erkrankungen
Universitätsklinikum Bonn (UKB)
E-Mail: Christina.Mayer@ukbonn.de
Bildmaterial:
Bildunterschrift: Mithilfe der Förderung durch die Corona-Stiftung baut Dr. Christina Mayer (re) ihre eigene Nachwuchsforschungsgruppe auf, und etabliert den Bereich der neurovisuellen Diagnostik am Zentrum für Neurologie des UKB unter Leitung von Prof. Anne-Katrin Pröbstel (li).
Bildnachweis: Universitätsklinikum Bonn (UKB) / Aljoscha Mismas
Pressekontakt:
Dr. Inka Väth
stellv. Pressesprecherin am Universitätsklinikum Bonn (UKB)
Stabsstelle Kommunikation und Medien am Universitätsklinikum Bonn
Telefon: (+49) 228 287-10596
E-Mail: inka.vaeth@ukbonn.de
Zum Universitätsklinikum Bonn: Als eines der leistungsstärksten Universitätsklinika Deutschlands verbindet das UKB Höchstleistungen in Medizin und Forschung mit exzellenter Lehre. Jährlich werden am UKB über eine halbe Million Patienten ambulant und stationär versorgt. Hier studieren rund 3.500 Menschen Medizin und Zahnmedizin, zudem werden jährlich über 600 Personen in Gesundheitsberufen ausgebildet. Mit rund 9.900 Beschäftigten ist das UKB der drittgrößte Arbeitgeber in der Region Bonn/Rhein-Sieg. In der Focus-Klinikliste belegt das UKB Platz 1 unter den Universitätsklinika in NRW und weist unter den Universitätsklinika bundesweit den zweithöchsten Case-Mix-Index (Fallschweregrad) auf. 2025 konnte das UKB knapp 100 Mio. € an Drittmitteln für Forschung, Transfer und Lehre einwerben. Das F.A.Z.-Institut zeichnete das UKB im vierten Jahr in Folge als „Deutschlands Ausbildungs-Champion“ und „Deutschlands begehrtesten Arbeitgeber“ aus. Aktuelle Zahlen finden Sie im Geschäftsbericht unter: geschaeftsbericht.ukbonn.de







