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Von der Sonde an die Brust: Für die kleine Mia zählt jeder Tropfen Muttermilch

Weltstillwoche vom 28. September bis 4. Oktober: Warum Muttermilch gerade für Frühgeborene weit mehr ist als Nahrung – und Stillen professionelle Unterstützung braucht

Bonn, 25. September 2026 – Als Mia in der 33. Schwangerschaftswoche am Universitätsklinikum Bonn (UKB) geboren wird, muss sie operiert und anschließend auf der Intensivstation versorgt werden. Für ihre Mutter Franziska Pönsgen beginnt eine Zeit voller Sorge und Ungewissheit. Zugleich möchte sie etwas für ihre Tochter tun: Sie gewinnt Muttermilch für Mia, die anfangs noch nicht selbst trinken kann. Zur Weltstillwoche vom 28. September bis 4. Oktober macht das UKB darauf aufmerksam, wie wichtig Muttermilch gerade für Frühgeborene ist – und welche Unterstützung Familien dafür brauchen.

Während Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachkräfte die medizinische Versorgung übernehmen, bleibt bei Eltern schwer kranker oder sehr früh geborener Kinder häufig das Gefühl, selbst wenig tun zu können. Für Franziska Pönsgen kommt hinzu, dass die frühe Geburt ihrer Tochter auch ihr Vertrauen in den eigenen Körper erschüttert hat.

„Ich habe mich gefragt: Was habe ich falsch gemacht? Warum konnte ich meine Tochter nicht beschützen?“ Genau diesen Aspekt erlebt auch Sarah Oekels, Fachgesundheits- und Kinderkrankenpflegekraft für Intensivmedizin und Anästhesie sowie international zertifizierte Fachperson für Still- und Laktationsberatung (IBCLC) am UKB, immer wieder. „Eltern von Frühgeborenen können sich schnell wie Zuschauer fühlen“, sagt Oekels. „Die eigene Milch zu gewinnen, Hautkontakt zu haben und das Kind irgendwann selbst an die Brust zu nehmen, gibt ihnen eine aktive Rolle zurück. Das kann für die Bindung und für das eigene Erleben dieser schwierigen Zeit sehr wichtig sein.“

Bei Mia beginnt dieser Prozess früh. Franziska Pönsgen hatte bereits vor der Geburt erste Tropfen Kolostrum – der sehr nährstoffreichen Vormilch – ausgestrichen. Ab dem dritten Lebenstag erhielt Mia überwiegend Muttermilch. Zunächst wurde sie über eine Magensonde gegeben, denn bei einem Frühgeborenen müssen Saugen, Schlucken und Atmen erst sicher koordiniert werden.

Oekels und ihr Team unterstützen die Mutter deshalb nicht nur beim späteren Anlegen, sondern schon bei der Milchgewinnung. Die Mütter lernen Handentleerung, Brustmassage und den Umgang mit der Milchpumpe. Gerade in den ersten Tagen bedeuten das, acht- bis zehnmal täglich Milch abzupumpen – zusätzlich zur Sorge um das eigene Kind und zu Besuchen auf der Intensivstation.

„Manchmal sind es am Anfang nur zwei Tropfen“, sagt Oekels. „Aber auch die sind wertvoll.“

Von zwei Tropfen zum ersten Saugen

Auch der erste Kontakt mit der Brust muss bei einem Frühgeborenen nicht bedeuten, dass es bereits eine vollständige Mahlzeit trinkt. Das Team beginnt teilweise sehr früh mit dem Brustkontakt – zunächst auch als Training und zur Beruhigung.

„Die Kinder haben oft schon viele negative Erfahrungen im Mundbereich, zum Beispiel durch Absaugen oder eine Intubation“, erklärt Oekels. „Wir müssen sie deshalb ganz behutsam wieder an die Brust heranführen.“

Beim sogenannten nicht-nutritiven Saugen geht es zunächst nicht um die aufgenommene Milchmenge. Das Kind kann die Mutter riechen, ihre Wärme spüren, ihren Herzschlag hören und sich an der Brust beruhigen. Die eigentliche Ernährung kann dabei weiterhin über die Sonde erfolgen. Auch Mia muss das Trinken an der Brust zunächst trainieren. Wenn sie wach und aufmerksam ist, gelingt es inzwischen immer besser. Ein Stillhütchen hilft ihr dabei, die Brust richtig zu fassen. Manchmal trinkt sie nur wenige Milliliter und erhält den Rest noch über die Sonde

Für Franziska Pönsgen ist das erste Anlegen trotzdem ein besonderer Moment. „Wenn plötzlich alles anders kommt als geplant und man sein Baby dann irgendwann anlegen kann, ist das ein unglaublich schönes Gefühl“, sagt sie. „Man merkt: Ich kann ihr etwas geben. Ich kann etwas für sie tun.“

Stillen ist natürlich – aber kein Selbstläufer

Dass Stillen ein natürlicher Vorgang ist, bedeutet nicht, dass er immer von selbst funktioniert. Sarah Oekels stellt häufig fest: „Oft fehlen nur kleine Kniffe.“ Als Beispiel erzählt sie von einer Mutter, deren Kind beim Stillen mit dem Bauch nach oben lag. Durch eine andere Position – Bauch an Bauch – ließ sich das Trinken deutlich erleichtern. Saugen, Schlucken und Atmen konnten so besser koordiniert werden.

Rund ums Stillen gibt es viele Missverständnisse. Ein verbreiteter Mythos: Stillen ist zwangsläufig schmerzhaft. „Das darf nicht sein“, sagt Oekels. Auch die Vorstellung, Trinken an der Brust sei für das Kind grundsätzlich anstrengender als aus der Flasche, hält sie für falsch. An der Brust könne das Kind selbst regulieren, wie viel Milch es wann aufnimmt. Bei der Flasche laufe die Milch dagegen kontinuierlich weiter.

Auch die häufige Angst vor einer sogenannten „Saugverwirrung“ – Schwierigkeiten eines Babys beim Wechsel zwischen Brust und künstlichem Sauger, etwa von Flasche oder Schnuller – sieht die UKB-Stillberaterin kritisch. Auf der Frühgeborenenstation kann ein Schnuller sogar therapeutisch eingesetzt werden – beispielsweise wenn ein Kind nach einer Operation noch nicht an die Brust darf, sich aber durch Saugen beruhigen kann.

Wissen macht einen Unterschied

Dass Stillen nicht allein eine Frage des guten Willens von Mutter und Kind ist, zeigt sich auch an anderer Stelle: beim Wissen derjenigen, die Familien begleiten. „Viele Eltern gehen verständlicherweise davon aus, dass alle Gesundheitsfachkräfte automatisch umfassend über Stillen und Laktation Bescheid wissen“, sagt Oekels. „Das Wissen ist aber unterschiedlich ausgeprägt.“

Sarah Oekels selbst ist gelernte Kinderkrankenschwester und absolvierte später eine umfangreiche internationale Zusatzqualifikation zur IBCLC-Fachperson für Still- und Laktationsberatung. Sie beschäftigt sich seit rund 15 Jahren intensiv mit dem Thema.

Stillen sei in vielen Ausbildungen lange nur am Rand vorgekommen. Auch die Berufsbezeichnung „Stillberaterin“ ist in Deutschland nicht geschützt. Für Eltern sei es deshalb nicht immer leicht zu erkennen, welche Qualifikation hinter einer Beratung steht.

Dabei könnten fachkundige Hinweise entscheidend sein. Oekels erlebt immer wieder, dass Mütter mit großer Unsicherheit in die Situation gehen. Viele sagen bereits vor der Geburt: „Wenn es klappt.“ „Ich würde mir wünschen, dass wir zunächst davon ausgehen, dass es klappt – und wenn Schwierigkeiten auftreten, schauen wir gemeinsam, woran es liegt“, sagt sie.

1.627 Frühgeborene zeigen: Unterstützung verändert die Versorgung

Dass strukturierte Unterstützung einen messbaren Unterschied machen kann, zeigt die multizentrische Neo-MILK-Studie, die mit dem Versorgungsforschungspreis Kinder und Jugendliche 2026 ausgezeichnet wurde. An 15 deutschen Level-I-Perinatalzentren wurde bei 1.627 sehr kleinen Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm untersucht, welchen Einfluss eine systematische Förderung der Muttermilchernährung hat.

Das Konzept umfasste unter anderem frühe Laktationsberatung, standardisierte Abläufe, mehrsprachige Informationen, digitale Angebote, geschulte Behandlungsteams und Frauenmilchbanken.

Der Anteil der Kinder, die bei ihrer Entlassung ausschließlich Muttermilch der eigenen Mutter erhielten, stieg durch die strukturierte Unterstützung um elf Prozentpunkte. Gleichzeitig sank der Anteil der ausschließlich mit Ersatz-Babymilch ernährten Kinder.

Für das UKB hat die Untersuchung besondere Bedeutung: Prof. Nadine Scholten und der Neonatologe Dr. Till Dresbach waren maßgeblich an Konzeption und Entwicklung des Gesamtprojekts beteiligt.

„Die Neo-MILK-Studie zeigt, dass der Erfolg der Muttermilchernährung nicht allein davon abhängt, ob eine Mutter stillen möchte“, sagt Dresbach. „Auch die Strukturen, die wir ihr zur Verfügung stellen, haben einen entscheidenden Einfluss.“

Für ihn folgt daraus ein klarer Auftrag für die Versorgung: „Frühzeitige und kontinuierliche Beratung, standardisierte Abläufe, verständliche mehrsprachige Informationen und gut geschulte Teams müssen zusammenspielen. Wenn wir möchten, dass möglichst viele Frühgeborene von Muttermilch profitieren, dürfen wir die Verantwortung dafür nicht allein den Müttern überlassen.“

Mehr als Nahrung

Für Frühgeborene hat Muttermilch neben der Ernährung auch eine besondere medizinische Bedeutung. Sie enthält zahlreiche biologisch aktive Bestandteile und kann dazu beitragen, den noch unreifen Organismus zu unterstützen. Bei Frühgeborenen steht die Ernährung mit Muttermilch unter anderem mit einem geringeren Risiko für bestimmte schwerwiegende Komplikationen in Zusammenhang.

Oekels verweist zudem auf die immunologische Bedeutung des frühen Brustkontakts. Über den Kontakt mit dem Kind kann das Immunsystem der Mutter Informationen aufnehmen und entsprechende Abwehrstoffe bilden, die anschließend über die Muttermilch an das Kind weitergegeben werden können.

Ein Stück Vertrauen zurück

Für Mia und ihre Mutter ist die Situation inzwischen eine andere als noch vor wenigen Wochen. Mia ist einen Monat alt. Wenn sie wach und aufmerksam ist, trinkt sie immer besser an der Brust. Noch reicht ihre Kraft nicht für jede Mahlzeit, deshalb wird sie weiterhin zusätzlich sondiert. Wenn alles gut geht, darf sie im Oktober nach Hause – vielleicht sogar rechtzeitig zum Geburtstag ihrer großen Schwester am 12. Oktober.

Für Franziska Pönsgen sind diese kleinen Fortschritte längst zu etwas Größerem geworden. Auf der Intensivstation übernehmen Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachkräfte zwangsläufig vieles von dem, was Eltern normalerweise selbst für ihr Neugeborenes tun würden. Umso wichtiger ist für sie jede Mahlzeit, die Mia an der Brust schafft – auch wenn es manchmal nur wenige Milliliter sind. Denn darin steckt für ihre Mutter mehr als Ernährung: die Erfahrung, ihrer Tochter wieder selbst etwas geben zu können.

Bildmaterial

Bildunterschrift: Mit jeder Mahlzeit klappt das Trinken sicherer: Franziska Pönsgen mit ihrer Tochter Mia.

Bildnachweis: Universitätsklinikum Bonn (UKB) / A. Mismas

Pressekontakt:
Daria Siverina
Stellvertretende Pressesprecherin am Universitätsklinikum Bonn (UKB)
Stabsstelle Public Relations and Corporate Communication
Telefon: (+49) 228 287-14416
E-Mail: daria.siverina@ukbonn.de

Zum Universitätsklinikum Bonn: Als eines der leistungsstärksten Universitätsklinika Deutschlands verbindet das UKB Höchstleistungen in Medizin und Forschung mit exzellenter Lehre. Jährlich werden am UKB über eine halbe Million Patienten ambulant und stationär versorgt. Hier studieren rund 3.500 Menschen Medizin und Zahnmedizin, zudem werden jährlich über 600 Personen in Gesundheitsberufen ausgebildet. Mit rund 9.900 Beschäftigten ist das UKB der drittgrößte Arbeitgeber in der Region Bonn/Rhein-Sieg. In der Focus-Klinikliste belegt das UKB Platz 1 unter den Universitätsklinika in NRW und weist unter den Universitätsklinika bundesweit den zweithöchsten Case-Mix-Index (Fallschweregrad) auf. 2025 konnte das UKB knapp 100 Mio. € an Drittmitteln für Forschung, Transfer und Lehre einwerben. Das F.A.Z.-Institut zeichnete das UKB im vierten Jahr in Folge als „Deutschlands Ausbildungs-Champion“ und „Deutschlands begehrtesten Arbeitgeber“ aus. Aktuelle Zahlen finden Sie im Geschäftsbericht unter: geschaeftsbericht.ukbonn.de

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